Es gibt Touren, die plant man wochenlang, und es gibt die, bei denen die Frage einfach im Raum steht: Komme ich das an einem Tag zurück? Von der Nordseeküste bei Norddeich bis nach Rheine sind es gut 230 Kilometer. Auf dem Papier ist das eine Zahl. Auf dem Rad ist es ein ganzer Tag, von morgens am Bahnsteig bis in die Dämmerung.
Angereist bin ich mit der Bahn, von Rheine an die Küste, das Rad im Zug. Der fuhr um 07:56 Uhr in Rheine ab. Um 10:15 Uhr bin ich an der Mole in Norddeich losgefahren, um 22:18 Uhr war ich zurück in Rheine. Dazwischen lagen 234,3 Kilometer. Der Tag war damit eine Runde: hin auf Schienen, zurück aus eigener Kraft.
Die Strecke: immer an der Ems entlang
Die Route ist schnell erzählt, weil sie nur einer Sache folgt. Von der Küste geht es über Emden nach Leer, dann an der Ems weiter über Papenburg, Meppen und Lingen bis Rheine. Ein Fluss, eine Richtung, kaum eine Kreuzung, an der man nachdenken müsste.
Das macht die Strecke für eine lange Tagesetappe fast ideal. 424 Höhenmeter auf 234 Kilometer sind praktisch nichts, der höchste Punkt liegt bei 35 Metern über dem Meer, der tiefste knapp zehn Meter darunter. Wer in Ostfriesland unterwegs ist, fährt streckenweise unter dem Meeresspiegel, und das Rad merkt davon nichts.
Was die Strecke stattdessen verlangt, ist Gleichmaß. Es gibt keinen Anstieg, an dem man sich abarbeitet, und keine Abfahrt, auf der man sich erholt. Es gibt nur die nächsten zwanzig Kilometer.
Wie die 234 Kilometer zusammenkamen
Von den zwölf Stunden unterwegs war ich zehneinhalb in Bewegung, der Rest waren Pausen. Sechs davon dauerten länger als fünf Minuten, zusammen kam eine gute anderthalbe Stunde zusammen.
Gefahrene Kilometer über den Tag, die flachen Stellen sind die Pausen. Zum Ablesen mit der Maus über das Diagramm fahren.
Die Pausen als Tabelle
| ab | bei Kilometer | Dauer |
|---|---|---|
| 12:39 Uhr | 47,8 km | 12 Min. |
| 13:35 Uhr | 64,2 km | 13 Min. |
| 17:34 Uhr | 139,7 km | 5 Min. |
| 18:32 Uhr | 160,6 km | 12 Min. |
| 19:36 Uhr | 179,3 km | 9 Min. |
| 19:52 Uhr | 181,5 km | 15 Min. |
Die gestrichelte Linie zeigt, wie der Tag ausgesehen hätte, wenn ich zwölf Stunden lang gleichmäßig durchgefahren wäre. Die echte Linie liegt fast durchgehend darunter, weil die Pausen früh liegen. Am weitesten zurück war ich um 14:52 an der Emsfähre, mit dreizehn Kilometern Rückstand auf den Durchschnitt. Von da an wurde der Abstand kleiner, aufgeholt war er erst kurz vor Rheine.
Die Zahlen dazu, in Blöcken von fünfzig Kilometern und ohne die Pausen gerechnet:
| Abschnitt | Schnitt in Bewegung |
|---|---|
| Kilometer 0 bis 50 | 21,6 km/h |
| Kilometer 50 bis 100 | 19,9 km/h |
| Kilometer 100 bis 150 | 24,3 km/h |
| Kilometer 150 bis 184 | 22,2 km/h |
| Kilometer 184 bis 234 | 24,5 km/h |
Die letzten fünfzig Kilometer waren die schnellsten des Tages. Das ist nicht die Reihenfolge, die man erwartet. Zum Teil liegt es an der Strecke: Auf dem Stück zwischen Emden und Papenburg geht es durch Städte, über Brücken und Schleusen, da steht man immer wieder kurz, während der Weg weiter südlich gerader wird. Der größere Teil hat aber einen anderen Grund, dazu gleich mehr.
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Der Akku setzt die Grenze, nicht die Beine
Gefahren bin ich einen Riese & Müller Supercharger, mit Gepäck rund dreißig Kilogramm. Auf einer Strecke ohne einen einzigen nennenswerten Anstieg ist damit nicht die Kraft die knappe Größe, sondern der Strom. Es gibt hier keinen Berg, an dem man scheitern könnte. Es gibt nur die Frage, ob die Reichweite für 234 Kilometer reicht.
Am Ende in Rheine standen acht Prozent auf der Anzeige. Das ist knapp, aber es ist auch die Antwort auf eine Frage, die sich den ganzen Tag mitfährt: Wie viel darf ich mir gerade leisten?
Genau daran hängt die Beobachtung von weiter oben, dass die letzten fünfzig Kilometer die schnellsten des Tages waren. Auf dem letzten Stück war die Rechnung aufgegangen, es war klar, dass ich ankomme. Also bin ich mit mehr Unterstützung gefahren, statt den Rest zusammenzuhalten. Der leichte Rückenwind am Abend kam dazu, aber die Entscheidung war die größere Hälfte davon.
Das Wetter: der einfachste Teil des Tages
Wetterseitig war das ein Geschenk. Kein Tropfen Regen und ein praktisch wolkenloser Himmel über zwölf Stunden. Die Temperatur lag den ganzen Tag zwischen 21 und 26 Grad, ohne Spitze und ohne Einbruch.
Temperatur und Windanteil gegen die Fahrtrichtung, stündlich an der Position der Fahrt. Zum Ablesen mit der Maus über das Diagramm fahren.
Zahlen als Tabelle
| Uhrzeit | Temperatur | Wind gegen die Fahrtrichtung |
|---|---|---|
| 11:00 Uhr | 21,6 °C | 9,7 km/h von vorn |
| 12:00 Uhr | 22,8 °C | 8,2 km/h von vorn |
| 13:00 Uhr | 23,5 °C | 1,0 km/h von hinten |
| 14:00 Uhr | 23,8 °C | 5,4 km/h von vorn |
| 15:00 Uhr | 24,6 °C | 2,2 km/h von vorn |
| 16:00 Uhr | 25,1 °C | 1,7 km/h von vorn |
| 17:00 Uhr | 25,6 °C | 2,1 km/h von vorn |
| 18:00 Uhr | 25,4 °C | 1,9 km/h von hinten |
| 19:00 Uhr | 25,5 °C | 1,3 km/h von vorn |
| 20:00 Uhr | 24,4 °C | 2,9 km/h von hinten |
| 21:00 Uhr | 22,0 °C | 1,6 km/h von hinten |
| 22:00 Uhr | 20,6 °C | 3,4 km/h von vorn |
Wetterdaten aus dem offenen Archiv von Open-Meteo, stündlich an der Position, an der ich zu der Stunde war.
Der Wind war schwach, aber er lag zu Beginn im Weg. In den ersten beiden Stunden kam er mit rund 9 km/h aus Südwest, also aus der Richtung, in die ich fuhr. Über den Nachmittag drehte er auf Ost, aus Gegenwind wurde Seitenwind, und ab etwa acht Uhr abends schob er sogar leicht.
Das ist der Unterschied zu einer Etappe, die vom Wind entschieden wird. Hier war der Wind ein Grundrauschen, das im Lauf des Tages leiser wurde. Entschieden hat den Tag eher die Sonne: Auf dem Emsradweg gibt es lange Abschnitte ganz ohne Schatten, und bei 25 Grad kostet das über Stunden mehr Kraft als die Steigungen, die es nicht gibt.
Unterwegs
Die Fotos stehen in der Reihenfolge, in der sie entstanden sind. Jedes trägt Ort und Uhrzeit in sich, und beides deckt sich mit der Aufzeichnung: Legt man die Fotokoordinaten auf den Track, landen einundzwanzig von ihnen auf fünfzig Meter genau auf der Strecke. Die Uhrzeiten in diesem Beitrag stammen aus diesem Abgleich.
Von der Mole bis zum Pilsumer Leuchtturm
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Greetsiel lag um 11:13 hinter mir, der Pilsumer Leuchtturm fünf Minuten später bei Kilometer 21. Die ersten zwanzig Kilometer eines solchen Tages sind die angenehmsten: Der Deich ist noch leer, und die Rechnung geht noch nicht los.
Über die Knock und mit der Fähre über die Ems
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An der Knock, bei Kilometer 48, stand ich um 12:39 zwölf Minuten. Bei Kilometer 77 ging es gegen Viertel vor drei mit der Fähre über die Ems. Das ist der einzige Punkt des Tages, an dem man nicht selbst bestimmt, wann es weitergeht.
Emsaufwärts bis Rheine
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Weener um 15:55, Papenburg um 16:21, Meppen um 19:34, Lingen um 20:52. Die Kühltürme bei Kilometer 206 waren um 21:09 dran, das Foto davon ist das letzte bei Tageslicht. Die letzten knapp dreißig Kilometer nach Rheine lagen in der Dämmerung.
Was ich daraus mitgenommen habe
Zweihundert Kilometer sind auf flachem Terrain keine Frage der Kraft, sondern eine Frage der Ruhe. Wer um zehn Uhr schon rechnet, wie viel noch fehlt, hat einen langen Tag vor sich. Die Kilometer kommen von allein, solange man sie nicht zählt.
Die Zahl, die mich hinterher am meisten überrascht hat, ist nicht die Distanz, sondern die Verteilung: eineinhalb Stunden Pause auf zwölf Stunden. Das klingt nach wenig, ist aber genau die Zeit, die den Unterschied zwischen 19,4 und 22,3 km/h ausmacht. Wer eine solche Strecke plant, rechnet am besten mit dem Schnitt in Bewegung und legt die Pausen obendrauf, statt sie hineinzurechnen.
Zu den Zahlen
Die Daten stammen aus meiner eigenen Aufzeichnung, die Wetterwerte aus dem offenen Archiv von Open-Meteo, stündlich für die Position, an der ich zu der Stunde tatsächlich war. Karte und Diagramme sind für diesen Beitrag gezeichnet worden und liegen als SVG direkt auf dieser Seite. Es lädt nichts von einem Kartendienst nach.
Eine Sache musste ich unterwegs korrigieren: Die Startzeit, die komoot zur Tour speichert, passt nicht zu den Aufnahmezeiten der Fotos. Verlässlich ist der Abgleich zwischen beiden. Die Fotos tragen Koordinaten, der Track trägt Zeitstempel, und wo beides zusammenfällt, ergibt sich die Uhrzeit eindeutig. Über einundzwanzig Fotos gerechnet liegen die so bestimmten Startzeiten innerhalb von vier Minuten beieinander.
Der Bordcomputer im letzten Bild zählt etwas anders als ich: 235 Kilometer, 10:00 Stunden Fahrzeit, 23,5 km/h. Meine Auswertung kommt auf 234,3 Kilometer, 10:29 Stunden und 22,3 km/h. Der Unterschied steckt allein in der Frage, ab wann Stehen als Stehen gilt. Ich habe alles unter 1 km/h als Pause gewertet, der Bordcomputer ist strenger. Beide Rechnungen sind richtig, sie beantworten nur leicht verschiedene Fragen.
Aufbereitet habe ich das mit Claude Code: Die 19.413 Wegpunkte auszulesen, Pausen von Fahrzeit zu trennen, die Fotokoordinaten gegen den Track zu legen, für jede Stunde die passende Wetterposition abzufragen und daraus Karte und Diagramme zu zeichnen, ist Fleißarbeit, die ich von Hand nicht gemacht hätte. Die Skripte dahinter sind wenige hundert Zeilen Python, entstanden im Dialog, und sie laufen reproduzierbar durch: Kommt eine Tour dazu, fällt dieselbe Auswertung wieder heraus. Der Blog ist für mich auch ein Ort, an dem ich so etwas ausprobiere.